XVI. évfolyam 11. szám - 2016. november

Die Zahl der Ungarndeutschen

Bei der Betrachtung jedweder nationalen Minderheit spielt natürlich die Frage eine wichtige Rolle, wie viele Menschen ihr zugerechnet werden können. Die Geschichte Ungarns und mit ihr die der Ungarndeutschen war so ereignisreich und leider nicht frei von Schicksalsschlägen, dass bei der Betrachtung der Entwicklung der Zahl der Ungarndeutschen seit 1900 bis zum heutigen Tag wir heute zwar über die Zahlen moderner Volkszählungen verfügen, aber – auf Grund der schrecklichen Konnotation, die das Wort „Volkszählung“ für das Ungarndeutschtum besitzt – nicht sicher sein können, inwieweit die Zahlen der Volkszählungen nach der politischen Wende die Realität widerspiegeln.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannten sich in Ungarn etwa 1,9 Millionen ungarische Staatsbürger zu ihrem Deutschtum. Mit dem Friedensvertrag von Trianon und den an die umliegenden Staaten zugesprochenen Gebieten wurden große Teile dieser Bevölkerung zu Staatsbürgern dieser Länder: 216 000 kamen nach Österreich, 310 000 nach Jugoslawien, 557 000 nach Rumänien und 265 000 wurden Einwohner der Tschechoslowakei.

In Rest-Ungarn verblieben etwa 550 000 Deutsche, von denen sich 1941 im Rahmen der Volkszählung 533 045 zu ihrem Deutschtum bekannten, was nach dem Zweiten Weltkrieg fatale Folgen haben sollte, als 1946-48 die – ungarisch euphemisierend „Aussiedlung“ (kitelepítés) genannte – Vertreibung der Ungarndeutschen aus ihrer Heimat erfolgte. Letztlich wurden „nur“ etwa 170 000 Ungarndeutsche vertrieben, doch diese Tragödie erschütterte die Volksgruppe zutiefst.

Verständlicherweise war man hiernach unter den Ungarndeutschen sehr vorsichtig mit dem Bekenntnis zur eigenen deutschen Identität. Soweit es überhaupt offizielle Zahlen gab, so lagen sie zunächst sehr niedrig (wie etwa als 1949 von ca. 22 000 Ungarndeutschen ausgegangen wurde.)

Für die Zeit bis zum Ende des kommunistischen Regimes und darüber hinaus bis zur Volkszählung von 2001 gibt es nur Schätzungen, jedoch keinerlei verlässliche Informationen über die Größe des Ungarndeutschtums. Die Zahlen variierten zwischen 200 000, 220 000 und 250 000, wobei der Rückgang der Zahl der Angehörigen der Volksgruppe nicht nur in der Vertreibung der Menschen, also in ihrem tatsächlichen Verschwinden zu suchen ist, sondern in der Folgezeit auch in der Angst der in Ungarn verbliebenen Ungarndeutschen, sich Repressalien ausgesetzt zu sehen, falls sie sich zu ihrem Ungarndeutschtum bekannten. Halbwegs verlässliche Zahlen lieferten erst wieder die Volkszählungen von 2001 und 2011. Diese Zahlen kann man deshalb als „halbwegs“ verlässlich bezeichnen, weil eine bestimmte Angst – oder zumindest Reserviertheit – gegenüber der Volkszählung an sich immer noch besteht, verständlicherweise unter den älteren Angehörigen der Volksgruppe.

Im Jahre 2001 bekannten sich 62 105 Personen als zur deutschen Nationalität zugehörig, während die Zahl derer, die für sich das Gefühl einer Bindung an die kulturellen Werte und die Traditionen des Ungarndeutschtums deklarierten, zugleich mit 88 416 Personen deutlich höher lag. Das Deutsche wurde als Muttersprache nur von 33 792 Befragten angegeben. Bei der Volkszählung im Jahre 2011, bei der es auch die Möglichkeit gab, unpersönlich sich via Internet zu erklären, bekannten sich mehr als doppelt so viele Personen zum Deutschtum – 131 951 – und es gaben das Deutsche als Muttersprache 38 248 Personen an.

Deutlich erkennbar ist zwischen 2001 und 2011 eine Verdoppelung der Personen, die sich als zur deutschen Nationalität in Ungarn bekennen. Dieses Phänomen nennt man Dissimilation, im Gegensatz zur Assimilation, welche den Angleich einer Minderheit an die Kultur der Mehrheitsnation bedeutet. Solch ein Zuwachs an Ungarndeutschen kann nur dadurch begründet werden, dass zu Beginn des 21. Jahrhundert die Angst vor Repressalien, falls man sich als Ungarndeutscher bekennt, deutlich abgenommen hat. Es gibt keinerlei Möglichkeit zur Nachprüfung, doch dürfte es bis heute noch eine Dunkelziffer an Personen geben, die das Bekenntnis scheuen, und damit die Zahl der Ungarndeutschen höher als die erwähnten 131 951 Personen liegen.

Dr. Gábor Kerekes