XVII. évfolyam 1. szám - 2017. október

Wichtige ungarndeutsche Gedichte – Josef Michaelis: Die Räder rattern

Räder rattern
zählt die Zeitscherben
rauchschwere
abgestandene Luft
im Viehwaggon
Hinter ihnen
der Abschied –
Tiefgesenkte Blicke
Gewaltmarsch
von Stall zu Stall
Güterbahnhof
Geschimpfe
Dawai! nur Dawai!
Schrundige Lippen
wortlos
in der Ecke
Regungslose
Dawai! nur Dawai!

Es rattern die Räder
Tage dann Wochen
Dawai! nur Dawai!
Lager und Läuse
Kratzwunden Lumpen
Baracken Zäune
Dawai! nur Dawai!
Brotportionen
Skorbut mit Seuchen
Dawai! nur Dawai!
Quecksilber Quoten
steinhart der Boden
Malenkij Robot
Haut nur und Knochen
schwankende Schatten
Jahre auf Jahre
Felder von Toten
Dawai! nur Dawai!

Unwirscher Wächter
schreit
in jeder Nacht
Räder rattern
Namen
tausendmal Tausende
Dawai! nur Dawai!
der Schlepphund rollt
rattert und knarrt
Gleise glänzen
graue Schar
taumelt ans Tageslicht
Dawai! nur Dawai!
in Bergen gleißt
schwarzes Gold
Schnee glitzert
Eis spiegelt
im rauen Rost
rattern Räder
sie knarren und rattern
und rattern

2005

Josef Michaelis, der bereits im Oktober 2015 in der „Werischwarer Zeitung“ als der erfolgreichste ungarndeutsche Autor der Gegenwart vorgestellt wurde, hat eine ganze Reihe von Gedichten geschaffen, die zum Wertvollsten dessen gehören, was die Volksgruppe an literarischen Schöpfungen aufzuweisen hat. In die Reihe dieser gehört sein im Jahre 2005 entstandenes Gedicht „Die Räder rattern“.

Die ratternden Räder, die im Titel des Gedichtes sowie in jeder Strophe erwähnt werden, sind jene der Viehwaggons, in denen die von den sowjetischen Besatzern aus Ungarn Verschleppten zur Zwangsarbeit auf einer langen und qualvollen Fahrt im Viehwaggon unter unmenschlichen Bedingungen in die Sowjetunion transportiert wurden. Dass es hier um die Verschleppung in die unendlichen weiten Russlands und Sibiriens geht, wird durch die sechsmalige Wiederholung von „Dawai! nur Dawai!“ klar, bei der es sich um das ungeduldige Antreiben der Gefangenen – im Sinne von „los-los“ bzw. „weiter-weiter“ – durch die russischen Bewacher handelt. Darüber hinaus ergibt sich angesichts der Länge der Bahnfahrt hinsichtlich des Ratterns der Räder von Strophe zu Strophe auch die Deutungsmöglichkeit, dass das Rattern nicht mehr allein der tatsächliche Klang der fahrenden Waggons ist, die immer neue Gefangene in das Arbeitslager bringen, sondern sich auch im Bewusstsein der Gefangenen abspielt, sich dort festgesetzt hat, als eine Folge des Schocks, verschleppt und unter unmenschlichen Bedingungen sowie völlig der Lust und Laune des Wachpersonals ausgeliefert, ausgebeutet zu werden.

Liest man das Gedicht genau, so ist auffällig, dass die Gefangenen kein einziges Mal in ihrer vollen Menschlichkeit und Individualität gezeigt werden. Sie werden als „Regungslose“ (Strophe 1) und „schwankende Schatten“ (Strophe 2) bezeichnet, ansonsten wird entweder nur indirekt auf sie Bezug genommen („Lager und Läuse / Kratzwunden Lumpen“) oder Körperteile benannt („schrundige Lippen“). Durch das Fehlen der Beschreibung, ja sogar der Benennung des Menschen, der zum Opfer geworden ist, wird auf bedrückende Weise angedeutet, wie diesen Menschen ihre Persönlichkeit, ihr Selbst, ihre Lebenskraft genommen wurde und sie zu Objekten degradiert worden sind. Ebenso sind die Angehörigen des Wachpersonals im Arbeitslager ohne jede Individualisierung gezeichnet, sie werden lediglich „Wächter“ genannt.

Im Gedicht werden zwar keine Jahreszahlen, kein genaues Datum erwähnt, doch geht es in der zweiten Strophe explizit um „Jahre“. Darüber hinaus deutet der Umstand des durch die Zwangsarbeit verursachten Abmagerns auf Haut und Knochen sowie das Ausbrechen von Seuchen an, dass es um einen langen Zeitraum geht, denn diese Veränderungen (Abmagern) und Erkrankungen (Skorbut) erfolgen über einen längeren Zeitraum.

Ein ungarndeutscher Leser bzw. ein Leser, der weiß, das Michaelis ein ungarndeutscher Autor ist, wird den Text primär als eine Gestaltung des ungarndeutschen Schicksals lesen – und dieser Leser hat damit auch vollkommen recht. Der Begriff „Malenkij Robot“ wurde ja speziell in Ungarn für die Benennung der Zwangsarbeit in der Verschleppung benutzt, während man in Deutschland für die von dort Verschleppten bis heute den Begriff „Zwangsarbeit“ gebraucht. (Der in Ungarn geprägte Begriff „Malenkij Robot“ ist grammatisch auf Russisch eigentlich vollkommen inkorrekt, müsste sprachlich richtig „Malenkaja Rabota“ lauten. Dies zeigt auch deutlich die Verknüpfung von „Malenkij Robot“ mit Ungarn.) Obwohl das Gedicht sich sicherlich in erster Linie dem ungarndeutschen Schicksal widmet, besteht doch seine Stärke auch gerade darin, dass es keine ethnische Bezeichnung für die Opfer mitteilt, durch den Begriff „Malenkij Robot“ aber auf Ungarn als den Herkunftsort der Verschleppten verweist, womit in einer weiteren Deutung nicht nur die Ungarndeutschen, sondern auch ungarische Menschen gemeint sein können, wodurch das Gedicht auch als ein Verweis auf das gemeinsame tragische Schicksal der verschleppten Ungarndeutschen und Ungarn interpretiert werden könnte. Insofern muss man konstatieren, dass das Gedicht es schafft, über das Ungarndeutsche Schicksal zu berichten und gleichzeitig auch für die ungarische Mehrheitsnation Gültigkeit zu besitzen. Es gibt nicht viele Werke in der ungarndeutschen Literatur, die die können.)

Betrachtet man die formale Seite des Gedichtes eingehender, so kann man erkennen, dass es von der Form her nicht zu der Art traditioneller Lyrik gezählt werden kann, wie sie in der deutschsprachigen Literatur bis zum Erscheinen des Expressionismus existierte und durch eine ganze Reihe formaler Vorgaben charakterisiert war wie einheitliche Strophen, ein durchgängiges Metrum und ein festes Reimschema. Diese sucht man hier vergebens.

Allerdings findet sich mit den Alliterationen (z.B. „zählt – Zeitscherben“, „Gewaltmarsch – Güterbahnhof – Geschimpfe“, „Lager – Läuse – Lumpen“) in gewisser Weise ein subtiler Hinweis auf den so genannten Stabreim, den Reim aus der Frühzeit der deutschen Dichtung, als sich die Schriftlichkeit noch nicht durchgesetzt hatte, und der Stabreim auch die Aufgabe besaß, durch die Alliterationen eine Erinnerungsstütze und -hilfe zu sein, damit man sich die Texte leichter einprägen konnte. Die Gefangenen der Lager in der Sowjetunion waren von der Schriftlichkeit weitgehend abgeschnitten, weshalb das Memorieren, das Einprägen von für sie wichtigen Texten – ganz gleich ob es sich dabei um literarische oder dokumentarische bzw. autobiographische gehandelt haben mochte – als einzige Möglichkeit vorhanden war, um Texte „aufzubewahren“. Die Alliterationen können als ein Verweis auf den Stabreim und dadurch auf diese geistige Notlage aufgefasst werden.

Bemerkenswert ist an diesem Text weiterhin, dass er sich mit der Verschleppung (= Deportation von Ungarndeutschen und Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion) beschäftigt, welches Thema innerhalb der ungarndeutschen Literatur nicht so häufig angeschnitten worden ist, wie die Frage der – von den Ungarn gern bagatellisierend als „Aussiedlung“ bezeichneten – Vertreibung (= Deportation von Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedene alliierte Besatzungszonen im Osten und Westen Deutschlands). Auch hiermit ist Josef Michaelis neue Wege gegangen. Das Interesse, das sich auf sein Schaffen richtet, ist kein Zufall, sondern liegt in seiner unvoreingenommenen Offenheit, der unbeirrten künstlerischen Tätigkeit und seinem Bestehen auf der Wahrheit begründet.

Gábor Kerekes